How to / Lebensmittel retten mit Annie von Today Is

Foodsaving – von diesem Begriff hörte ich zum ersten Mal während meiner Studiumszeit. Damals machte man sich mit dem Retten von Lebensmitteln schmutzig, gegebenenfalls sogar strafbar: Von Dumpster Diving oder Containern sprach man, wenn – meist in Nacht- und Nebelaktionen – Konsum kritische Umweltbewusste in Müllcontainer von Supermärkten kletterten um diese nach noch essbaren, aber wegen Überschuss, Druckstellen oder abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdaten aussortierten Lebensmitteln zu durchforsten. Mutig (ähem leichtsinnig) schloss ich mich damals einer MeetUp Gruppe an, um es auszuprobieren und die Welt zu retten. Ein Treffen kam nie zustande, Lebensmittel habe ich nie gerettet.

Auf das Thema erneut aufmerksam wurde ich nun, Jahre später, in den Instastories von Today Is. Bloggerin Annie präsentierte einen ganzen Tisch voller Gemüse, Obst, Milchprodukte und anderer Lebensmittel, die sie bei einem Supermarkt ganz offiziell und gratis abgeholt habe. Erstens war ich baff. Zweitens interessiert. Wie funktioniert Foodsaving heute?

Annie, die auf Today Is vor allem über Reisen, Interior & DIY bloggt, ist begeisterte Kleiderkreisel-erin und Shareconomy Teilnehmerin und hat mir alle meine Fragen ausführlich beantwortet.

Annie, warum rettest du Lebensmittel?

Auf die Idee Lebensmittel zu retten bin ich gekommen, nachdem ich den Film Taste the Waste angeschaut habe. In dem Film wird einem ziemlich deutlich gemacht, wie viele Lebensmittel eigentlich verschwendet werden und welche Folgen diese Verschwendung hat. Für mich ist völlig unverständlich, wie Millionen Tonnen genießbarer Lebensmittel auf dem Müll landen, während in anderen Teilen der Welt Hungersnot herrscht. Dazu kommen die Ressourcen, die bei der Herstellung, Weiterverarbeitung etc. der noch genießbaren Lebensmittel, die auf dem Müll landen, verschwendet werden. Oder all die Emissionen, die für den Transport oder die Kühlung freigesetzt werden. Der Rattenschwanz ist lang und von gehörigem Ausmaß.

Wie läuft so eine Lebensmittelrettung ab?

So eine Abholung im Betrieb läuft immer gleich ab. Es gibt feste Tage und Zeiten an denen abgeholt werden kann. Auf der Foodsharing-Website trägt man sich in dem jeweiligen Betrieb für Termine ein, an denen man gerne abholen mag. Am Tag der Abholung sollte man etwas früher da sein, als die vorgegebene Abholzeit. Es kann immer etwas dazwischen kommen. Wichtig ist, dass man seinen Foodsharing Ausweis stets dabei hat und unaufgefordert vorzeigt. Denn es ist schon öfter vorgekommen, dass Personen Lebensmittel abgeholt haben, die nicht zu den offiziellen Foodsavern gehören. Dies ist erst einmal nicht schlimm. Allerdings gehört zum Foodsaver-Dasein ein wenig mehr dazu, als kostenlose Lebensmittel abzugreifen. Zu unseren Aufgaben gehört, Abfall zu trennen und den Abholort sauber zu hinterlassen. Nicht jeder Betrieb sortiert vor der Übergabe verfaulte Lebensmittel aus.

Braucht man ein Auto?

Für die Rettung der Lebensmittel benötigt man nicht zwingend ein Auto. Im besten Fall reicht ein Fahrrad mit Anhänger. Je weniger abgeholt wird, desto mehr würde potentiell weggeworfen werden. Die Abholmengen variieren jedoch von Betrieb zu Betrieb. Mal sind es zehn Bananenkisten, mal „nur“ ein paar Tüten Milch. So wirklich planen kann man da nicht. Da muss man manchmal auch spontan sein und Freunde mit Auto mobilisieren (oder Carsharing nutzen).

Kann man darauf zählen und sich gar den Wochenendeinkauf sparen?

So richtig planen kann man nicht. Klar, wenn ich beim Bäcker Lebensmittel rette, dann werden sicherlich Brote und Brötchen dabei sein. Bei einem Supermarkt sieht es da allerdings anders aus. Hier kann von Obst und Gemüse über Milch, Babynahrung, Müsli, Käse und Brot alles dabei sein oder auch mal „nur“ Gemüse oder „nur“ Milch. Wer beispielsweise an vier Tagen in der Woche Abholungen macht, der kann sicherlich auf einen großen Wocheneinkauf verzichten. Es gab auch schon einmal eine Woche, in der habe ich keine 10 Euro für den restlichen Einkauf ausgegeben. Den größten Teil hatte ich beim Betrieb gerettet oder bei anderen Foodsavern abgeholt.

Was sind die Anforderungen, um LebensmittelretterIn zu werden? „Musst“ auch du Lebensmittel anbieten?

Es gibt schon ein paar Anforderungen, die man erfüllen muss, um Foodsaver werden zu können. Als erstes muss ein kleines Quiz bestanden werden. Denn es bedarf eines gewissen Verständnisses und auch Zuverlässigkeit, damit die Kooperation zwischen Foodsavern und Betrieben reibungslos funktioniert. Ist das Quiz bestanden, folgen drei Probeabholungen mit erfahrenen Foodsavern. Hat dies alles geklappt, erhält man beim nächsten monatlichen Treffen den Ausweis. Dann kann man sich selbst für Abholungen eintragen. Es ist kein Muss, Lebensmittel selbst anzubieten. Hat man aber die Abholung allein gemacht und es waren viele Lebensmittel, dann bietet es sich natürlich an sie weiterzugeben.

Beschreibe ein typisches Paket. Worauf kann man sich freuen?

So ein typisches Paket gibt es wie schon gesagt nicht wirklich. Am häufigsten gibt es jedoch Obst und Gemüse. Am meisten freue ich mich über Dinge, die ich vielleicht nicht unbedingt selbst kaufen würde, aber gerne testen mag – verschiedene Käsesorten oder Brotaufstriche. Aber auch Gemüsesorten, bei denen ich mir etwas Pfiffiges überlegen musste, waren schon dabei. Ich bin ganz schön kreativ geworden in der Küche!

Warum an Personen verteilen, die sich die Lebensmittel leisten können, statt der Spende an Tafeln?

Wichtig zu wissen: Foodsharing steht in keinerlei Konkurrenz zu den Tafeln. Die Tafeln gehen absolut vor. Hingegen werden wir gelegentlich sogar von der örtlichen Tafel gefragt, ob jemand was bei ihnen abholen kann.

Erzähle mir vom Foodsharing Gefühl!

Es macht Spaß zu sehen, was man gemeinsam erreichen kann. Über Foodsharing habe ich schon eine Menge nette Kontakte geknüpft. Sicherlich werden wir nicht alle Lebensmittel vor der Entsorgung retten können, denn vieles schafft es ja nicht einmal in den Laden. Doch jedes Kilo zählt. Wir machen uns nicht nur zur Aufgabe Lebensmittel zu retten, sondern vielmehr auch ein Bewusstsein gegen die Verschwendung zu schaffen. Daher freue ich mich über jede Abholung, bei der die Ausbeute auch mal nicht so groß war.

Allerliebsten Dank, liebe Annie, für das Gespräch! Und, wer hat Lust bekommen Foodsaver zu werden?!