Jury Insights / Fahmoda Fashion Finals 2016

Rüschen bei "the space between us" © JESSE WIEBE
Rüschen bei „the space between us“ © JESSE WIEBE

Wie bewertet man eine Modekollektion? Beim Scrollen oder Blättern durch Lookbooks und Modestrecken in Zeitschriften und Onlinestores sind Optik und Preis die (haupt)ausschlaggebenden Kriterien für die Entscheidung für top oder flopp.

Weniger trivial entpuppte sich die Bewertung der 15 Defilée-Kollektionen der Fahmoda  Absolvierenden in diesem Jahr. Diesmal saß ich nämlich nicht nur als Modeinteressierte im Publikum. Neben Thomas Hill (René Lezard), Daniel Blechmann (So popular), Réné Lang (VDMD) und Danny Reinke durfte ich den Talent Award vergeben und die besten drei Abschlusskollektionen der Fahmoda Akademie für Mode und Design küren.

Geehrt fühlte ich mich ob der Einladung zur Jury der Fashion Finals zunächst, dann ehrfurchtserfüllt. Ein fachliches Urteil neben Modeschöpfern und Professionals der Branche fällen zu dürfen, bauchmietzelte nicht nur mein Ego, sondern weckte auch Selbstzweifel.

Befähigte mich das meist höchst subjektive Schreiben über Mode tatsächlich dazu über deren Entstehungsprozess und Ergebnis objektiv zu richten? Statt Skrupel zu hegen, entschied ich mich dafür meine ganz persönlichen Erwartungen zu formulieren. Was muss eine Abschlusskollektion können? Oder: Wenn diese Absolventen die Zukunft des (deutschen) Modedesigns sind, was erwarte ich von ihrer Arbeit?

Backstage bei "Escarpism" © JESSE WIEBE
Backstage bei „Escarpism“ © JESSE WIEBE

Professionalität, Nachhaltigkeit, Innovation und Konzept wurden zu meinen grundlegenden Bewertungskriterien, die ich in dem zweistufigen Bewertungsverfahren anlegte:

  • Professionalität & erster Eindruck: Optisch ansprechende und inhaltlich aufschlussreiche Mappen wecken Aufmerksamkeit und spiegeln die Verkaufsqualitäten der DesignerInnen wider. Hingegen trüben den ersten Eindruck eine lieblose Spiralbindung oder gar lose Blättersammlung, spärliche Moodboards, verpixelte Bilder und fehlende Stoff- und Materialmuster. Insgesamt aber war ich beeindruckt von der Medienvielfalt mit der mir so manch eine Kollektion nahegebracht wurde. Volle Punktzahl, wenn mich neben Mappe und Lookbook, auch der Kollektionsfilm, die Musikauswahl und Choreographie während der Show überzeugten. Merke: Insbesondere junge, unbekannte Labels sind auf die Medienberichterstattung angewiesen. Wer einen kostenfreie Bericht haben möchte, muss zunächst investieren. In hochwertiges Bildmaterial und sonstiges Footage.
  • Nachhaltigkeit: Für ModedesignerInnen sehe ich keinen Weg daran vorbei sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und vorallem: Lösungen zu finden. Meine Mindestanforderung aus journalistischer Sicht aber lautet Transparenz. Woher stammen Textilien und Materialien? Liebe Labelgründer, wer mehrere hundert Euro für eine Designerkollektion hinblättern soll, der hat Fragen. In Zukunft noch mehr als heute. Auch wenn Absolvierende vorhaben das Designteam eines etablierten Unternehmens zu unterstützen, sehe ich ein Verständnis für ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit als unabdingbar. Nachhaltigkeit beginnt beim Design!
  • Innovation: Gilt sowohl für das Design und das Outcome auf dem Laufsteg, als auch die Produktionstechnik. Innovation gefällt mir hier besser als das geflügelte Wort Kreativität. Hat sich jemand für den Designeinschlag entschieden, setze ich diese voraus. Wer mir eine Bandbreite seines Design- und Umsetzungskönnens zeigt, imponiert mir. Für mich als Bloggerin und in Medienberichterstattung-Denkende ist neben den Faktoren, die über den Kauf entscheiden, auch die Story hinter der Kollektion interessant. Letztlich entscheidend natürlich: Der Look. Bei Ready-to-wear-Kollektionen folgt die Entscheidung der Frage Was ist neu? Was würde ich anziehen? Couture Kollektionen sind dann interessant, wenn man sie so herunterbrechen kann, dass sie tragbar werden. Der Grad zwischen künstlerische Mode und Kostüm ist schmal und wurde nach meinem Empfinden bei den Fashion Finals nicht nur einmal überschritten. Natürlich ist diese Beurteilung eine höchst subjektive.
  • Konzept: Wer Modedesign beruflich betreiben möchte, wird noch bevor der erste Zeichenstrich der Figurine gesetzt ist mit wirtschaftlichen Fragen konfrontiert sein. Zumindest eine sollte beantwortet sein: Wer soll meine Kreationen tragen? Wer ist meine Zielgruppe? Diese sollte sowohl realistisch existieren, als auch einigermaßen eindeutig dargestellt werden können. Kunstbegeisterte Freigeister hört sich intellektuell an, kann aber sowohl den Rollkragenträger in #allblackeverything umfassen, als auch die wilde Muster- und Materialmixerin. Haute Couture ist von diesem Prinzip nicht ausgeschlossen!
Titel ist Programm "Candy and Sky" © JESSE
Titel ist Programm „Candy and Sky“ © JESSE

Und wie schaut es mit dem Juryurteil aus?

Zusammen setzte sich dieses aus der Punktevergabe für die Mappe und dem Eindruck nach der Präsentation auf dem Laufsteg. So konnten pro Kollektion zwei Mal bis zu 10 Punkte vergeben werden. Deren Summe entschied über die Platzierung.

Nach der Sichtung und Besprechung der Mappen am frühen Nachmittag zeigten sich bereits klare Favoriten. Ob sich der erste Eindruck über das beschriebene Konzept, Zeichnungen, Lookbooks und Materialproben bestätigte, entschied sich für jedes Jurymitglied dann ganz individuell nach der ersten Show im Sprengel Museum.

Lisa Van Wersch kurz vor der Präsentation von "the space between us" © JESSE WIEBE
Lisa Van Wersch kurz vor der Präsentation von „the space between us“ © JESSE WIEBE
Chunky pieces bei "the space between us" © JESSE WIEBE
Chunky pieces bei „the space between us“ © JESSE WIEBE

Einhellig setzte sich Lisa Van Wersch mit ihrer Kollektion „the space between us“ durch. Und das nicht erst auf dem Laufsteg! Ihre Mappe – eher ein Kunstband – sah toll aus und informierte auch umfassend über Inspirationen, Zielgruppe, Materialien und Produktion. Die Looks auf dem Laufsteg wirkten neu und besonders – Couture im Gesamten, einzeln aber vom-Fleck-weg-tragbar. Mal ganz abgesehen von der Orientierung an den Pantone Trendfarben Rose Quartz und Serenity.

Außerdem überzeugten die Jury die phantasievolle, nachhaltige Kollektion „Escarpism“ von Judith Hauser und Julia Allen’s farbexplosive Neoprenlooks.

Feinschliff bei "un collage merveilleux" © JESSE WIEBE
Feinschliff bei „un collage merveilleux“ © JESSE WIEBE
"Un collage merveilleux" – too much design?!! © JESSE WIEBE
„Un collage merveilleux“ – too much design?!! © JESSE WIEBE

Auch die Abschlusskollektion von Dennis Hörtinger und Hakan Solak war herausragend.

„Die Ästhetik in Bezug auf Farbempfinden und Textur hat ein hohes Niveau.“ – Thomas Hill,  Chief Brand Officer René Lezard

Von Lookbook und Mappe über den Kollektionsfilm bis zur Inszenierung auf dem Laufsteg mit musikalischer Live-Untermalung von Foxos vermittelten die Labelgründer ein professionelles Bild.

Kollektionstitel und Designtechnik passten mit „Un collage merveilleux“ hervorragend zur Inszenierung im Sprengelmuseum, wo sich die umfangreichste Sammlung von Werken des Collage-Künstlers Kurt Schwitters befindet. Allerdings: War es die Vielzahl an Looks? Unser aktuell gewöhntes Auge an minimalistisches Design? Tatsächlich hat nicht nur mich die sehr engagierte Umsetzung der Inspiration Collage wortwörtlich umgehauen. Dennoch war sich die Jury einig: Von diesen beiden werden wir bald mehr sehen! Fans fanden sich unter den Zuschauern bereits einige. Rüdiger Oberschür von Hannover Fashion Weeks schwärmte

„ Als Theaterwissenschaftler mit Blick auf Inszenierung und Performance waren HoertingerSolak natürlich meine Favoriten.“

Und meine Lieblingslooks? Zahlreich! Welche Outfits und Kollektionen gefallen euch am Besten?

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Gespannt auf die Abschlusskollektion dieser 5. Semester Schülerin! © JESSE WIEBE
Gespannt auf die Abschlusskollektion dieser 3. Semester Schülerin! © JESSE WIEBE
#Ponchogoals beim 5. Semester © JESSE WIEBE
#Ponchogoals beim 3. Semester © JESSE WIEBE

Tipp: Modedesigninteressierte erfahren mehr über die Ausbildung an der Fahmoda am 13.03. und 09.04.2016 beim Tag der offenen Tür.