Business / Wie man das Auslandsstudium meistert?

Viele Studenten träumen davon, ein Semester im Ausland zu verbringen. Was von der Welt sehen, Neues kennen lernen, das klingt toll. Doch oft sprechen Regelstudienzeit, Finanzierung und der Aufwand für die Vorbereitungen dagegen. Viele Studis bleiben dann doch zu Hause, obwohl Auslandserfahrung heutzutage für viele Bewerber ein Muss zu sein scheint. Barbara studiert Modedesign und hatte keine Angst vor großen Plänen, denn sie hat sich in die Modeschmiede nach Mailand gewagt!

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Das Bachelorstudium ist kurz und verschult. Du hast dich trotzdem entschieden ins Ausland zu gehen, warum?

Es gab viele Gründe! Wenn ich ganz ehrlich bin, war einer meiner Haupt-Gründe, dass ich einfach raus musste. Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich neben Schule oder Studium einer Teilzeitbeschäftigung nachgegangen. Natürlich weiß ich, dass es meine freie Wahl war. Mein Leben so zu führen, war aber alles andere als einfach! Während andere Kommilitonen Partys gefeiert haben, habe ich versucht meinem Uni-Pensum nachzukommen und den Stoff nachts aufzuarbeiten. So sehr ich mein Studium auch liebe, ich habe eine Pause gebraucht.
Etwas Neues zu sehen, zu erleben, andere Kulturen kennen zulernen und einmal die  Scheuklappen abzulegen und über mich selbst hinauszuwachsen, war schon immer mein Traum. Warum es gerade Mailand geworden ist? Ich würde sagen, es war eine Kette von zufälligen Ereignissen, gepaart mit meinem Hang zur romantischen Sehnsucht. Abgesehen davon, konnte ich so herausfinden, ob „La Dolce Vita“ nur ein Klischee ist.

Versicherung, Wohnung, Anreise, werden meine Kurse auch anerkannt? Das Auslandssemester muss lange vorher geplant werden und ist nicht nur Party, Party. Was hat dir am meisten Kopfzerbrechen bereitet?

Die erste Überraschung kam zwei Wochen vor meinem Abflug: mein Wg-Zimmer wurde abgesagt. Zum Glück durfte ich für einige Tage bei einer Bekannten unterkommen. Ich war komplett auf mich allein gestellt, mit kaum vorhandenen Italienisch-Kenntnissen.
Ich kam damals Nachts um 1:00 Uhr am Stazione Centrale an, der tagsüber zwar schön anzusehen ist, aber Nachts nicht gerade der beste Ort für eine fremde junge Frau ist. Aus unerklärlichen Gründen hatte mein Handy natürlich auch keine Internetverbindung. Nun saß ich da: 50 kg Gepäck und eine Stadtkarte in der Hand, merkwürdige Gestalten um mich herum und keine Ahnung, wie genau ich da wieder wegkomme.
Ob es einfach war? Ich hatte noch nie so große Angst und so viel Respekt, wie vor meiner Anreise in Mailand. Ich habe gehört, dass man vor Angst zittert…  in der Nacht vor meinem Abflug habe ich es das erste Mal selbst erlebt.

Als du nach Mailand gekommen bist, hast du es erst einmal mit deinem Studium aufgenommen, wie war das so?

Meine Erfahrungen an der Politecnico di Milano möchte ich nicht missen! Auch wenn sich die Kurse manchmal sehr von meinem gewohnten Studium unterschieden haben, habe ich viel Neues sehen können und bin dankbar dafür. Ich durfte Accessoire-Kurse besuchen, was mir in Hannover vergönnt ist. Da ich eine ganz besondere Leidenschaft für die Arbeit mit Denim, Leder und Metallen habe, habe ich mich sehr gefreut diese Möglichkeit wahrnehmen zu können. Was ich aber auch lernen durfte: warten … warten … warten … und natürlich cool dabei zu bleiben. Unbeantwortete Emails der Dozenten? Tagesordnung!
Und es bestand Anwesenheitspflicht: Montags bis Freitags von 8:30 bis 18 Uhr in der Politecnico! Natürlich gab es auch ordentlich Aufgaben für die „Freizeit“, sodass ich weder Zeit hatte den Sprachkurs zu besuchen, noch an Veranstaltungen oder Städtetrips teilzunehmen. Das Party-Leben habe ich auch nicht kennengelernt. Meine Mitbewohner haben sich eher über mich lustig gemacht, dass andere feiern, während „die Deutsche“ Nachts arbeitet. Ich war oft im Zwiespalt: Soll ich mein Studium lockerer sehen, um das Leben hier besser kennen zu lernen? Da aber der Lebensunterhalt in Mailand sehr teuer ist und ich meinen Auslandsaufenthalt selbst finanziert habe, habe ich mich dafür entschieden, mich weiterhin auf das Studium zu konzentrieren.
Zu wissen, nicht allzu viel von Land und Menschen kennen zu lernen, hat mich dann dazu bewegt, nach meinem Auslandssemester noch mein Pflichtpraktikum in Mailand zu absolvieren. Fünf Monate intensives Studieren beinhaltet einfach nicht genug Zeit um Italien zu erleben.

Was konntest du dir in Sachen Mode und Accessoires von den Italienern abschauen?

Was für mich vorher schon ein wichtiger Punkt war und hier in Mailand verstärkt worden ist, ist Qualität. Generell legen Italiener sehr viel Wert auf Qualität: Materialwahl, Körpergefühl und Verarbeitung. Ich würde auch behaupten, dass die großen Namen nicht zwangsläufig als Statussymbol gedeutet werden, viel eher ist es ein Stückchen mehr Lebensqualität.

Wie hast du dann dein anschließendes Praktikum erlebt? Was hast du gelernt?

Als Erstes muss ich sagen, dass es sehr schwierig war überhaupt ein Praktikum zu finden. Ich habe 72 Firmen angeschrieben. (Und wenn ich mein Lebenslauf mit denen meiner mailändischen Kommilitonen vergleiche, hatte ich schon deutlich mehr Kenntnisse und Erfahrungen vorzuweisen). Von diesen 72 Firmen, Weltkonzerne und kleine Familienbetriebe, haben mir drei geantwortet. Bei zweien wäre ich nur eine Büro-Assistentin gewesen. Aber dann gab es noch den Familienbetrieb: Nanni Milano.
Ich wurde zum Interview in den Showroom eingeladen. Zusammengefasst hat mir mein zukünftiger Chef zu verstehen gegeben, dass er jemanden sucht, der komplett eigenverantwortlich an der Taschenkollektion arbeitet. Gleichzeitig hat er mir jedoch das Gefühl gegeben, dass ich dafür nicht geeignet bin. Für mich war es der Moment, in dem ich realisiert habe, dass alles von mir abhängt.  Normalerweise bin ich zurückhaltend, aber ich fing an zu reden. Recht zaghaft zuerst, aber dann hat sich die Kämpferin in mir gemeldet und ich habe mit mehr und mehr Leidenschaft gesprochen. In seinen Augen konnte ich sehen, dass ich ihn mitreißen konnte!
Mein Praktikum war hart, mit langen Arbeitszeiten. Genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich hatte große Angst, nicht das bieten zu können, was verlangt wurde. Es gab spontane Meetings vor versammelter Mannschaft, in denen ich unvorbereitet argumentieren und präsentieren musste. Von der Idee bis zur Realisierung des Prototypen hatte ich nur einige Tage lang Zeit. Im Nachhinein war es das Beste was mir passieren konnte. Ich hatte die Möglichkeit Einblicke in jeden Bereich zu bekommen und das Glück an jedem Prozess des Designs mitzuarbeiten. Materialwahl und -einkauf (jeder Bestandteil Made in Italy), Vertrieb, Warenpräsentation, Verkaufsgesprächen, Design, Konstruktion, Prototyping & Produktion. Mein Traum ist es, irgendwann selbstständig zu sein und meine eigene Mode (Leder- und Denimartikel ) auf den Markt zu bringen.
Da Nanni Milano ausschließlich mit Leder arbeitet, haben sich meine Konstruktions- und Nähskills ungemein verbessert. Jeder der einmal mit Leder gearbeitet hat, weiß, dass die Konstruktion und jeder Nadelstich perfekt sitzen muss, denn jeder Fehler lässt sich nachweisen. Bei gewebten Stoffen gibt es eher noch die Möglichkeit zu „mogeln“ oder zu korrigieren.
Nach harten Tagen der Arbeit zu sehen, wie das Team über die entwickelten Designs schwärmt, das Glänzen in den Augen zu sehen und zu erleben, dass meine Arbeit Menschen begeistert, zu wissen, dass nächste Saison meine selbstentwickelten Designs im Edelkaufhaus la Rinascente in Mailand verkauft werden, wie auch in Paris, in der Schweiz, Japan, Belgien und in Deutschland: für mich eines der größten Komplimente und eines der schönsten Gefühle!

Ich kenne Bella Italia leider nur aus Filmen. Was hat dich dort besonders inspiriert? Was ist anders als zu Hause?

Während meines Auslandssemesters hatte ich leider nicht die Zeit viel von Italien zu erleben. Da ich glücklicherweise die Möglichkeit hatte länger zu bleiben um mein Praktikum zu absolvieren, fand ich endlich die Zeit „La Dolce Vita“ zu entdecken.
Die Architektur ist wunderschön. Gebäude mit kleinen Balkonen, verwachsenden Blumenranken, versteckte Innenhöfe mit kleinen Springbrunnen. Vieles entdeckt man auch erst auf dem zweiten Blick. Restaurants und Bars von Außen unscheinbar oder heruntergekommen, von Innen überfüllt.
Die italienische Ess-Kultur finde ich sehr interessant. Anfangs war ich über die vielen kleinen Regeln, wie und wann man Mahlzeiten und Getränke zu sich nimmt, überrascht. Das fängt dabei an, wie Italiener morgens ihren Café trinken. Zum Frühstück gibt es ein paar Kekse oder nur ein Brioche, dazu einen Espresso, Cappuccino oder ein Latte Macchiato. Ein Café-Milch-Gemisch würde ein Italiener niemals zum Mittag oder später trinken. Pasta zum Beispiel ist hier eigentlich nur eine Vorspeise und wird abgesehen von Bolognese oder Lasagne nie mit Fleisch gemischt. Jedes Gericht hat seinen Ursprung aus einer anderen Region Italiens,worauf auch viel Wert gelegt wird. Wein und Olivenöl wird immer hochwertig gekauft und großzügig eingesetzt.
In Italien habe ich ein anderes Lebensgefühl bekommen. Ich esse und schmecke bewusster: die Süße der Tomaten , die Schärfe des Rucolas  die fruchtige Würze des Weins, das gemeinsame Kochen. Ich bin und lebe entspannter, auch wenn ich arbeitstechnisch in etwa genau so viel arbeite wie zuvor in Deutschland. Die Menschen, die mir begegnet sind, waren immer sehr höflich und hilfsbereit. Wenn man am Abend in einer Bar sitzt, kommt es öfters vor, dass man anfängt mit den Tischnachbarn zu reden: in Italien das Normalste auf der Welt!
Die Körpersprache der Menschen könnte ich den ganzen Tag lang beobachten. Es harmoniert mit dem Klang der Sprache und ich hatte den Eindruck sie spüren ihre Worte und deren Bedeutung mehr. Ich bin total begeistert: Italien war die beste Entscheidung meines Lebens.

Prada, Valentino, Dolce & Gabbana, Versace.. Was macht den Italiener in Sachen Mode aus?

Ich denke der durchschnittliche Italiener ist sehr stilbewusst! Ich habe eigentlich nur selten extravagante Paradiesvögel auf den Straßen gesehen. Dafür aber oft die typische lässige Eleganz: romantisch, klassisch oder sportlicher dargestellt. Sehr ausgeprägt war auch die männliche Hipster-Szene! Italiener geben gerne mehr Geld für große italienische Namen ausgeben, nach der Regel: weniger Quantität, mehr Qualität. Ein Must-Have der Italiener: eine tolle Sonnenbrille (die bei der Sonne wirklich benötigt wird) und echte  Lederschuhe (in Mailand auch sehr gerne Gummistiefel wegen der hohen Niederschlagsrate).

In meinem Lieblingsfilm „Sabrina“ ging Sabrina Fairchild einst als junges, schüchternes Mädchen nach Paris um dort ein Praktikum bei einem Modemagazin zu machen und kam als elegante selbstbewusste Frau wieder.  Wie ist das bei dir?

So ungern ich es zugebe, aber auch ich bin als junges schüchternes Mädchen nach Mailand gegangen. Ich war verängstigt und körperlich und seelisch ausgebrannt. Und ich war auf der Suche! Ich kann nicht sagen wonach, aber ich wusste, dass ich es in Hannover nicht finden würde.
Anfangs war ich in Mailand oft verzweifelt und hätte am liebsten den erstbesten Flieger zurück nach Hause genommen. Aber mein Jahr in Italien war eine gute Schule für mich. Ein Sprung ins kalte Wasser. Ich habe diese Erfahrung unbedingt gebraucht, um vieles über mich zu lernen und vor allem, um über mich hinauszuwachsen.
Mein Leben lang gab es immer Menschen, die mir sagen wollten, dass ich etwas nicht kann, nicht gut genug sei oder etwas lieber lassen soll. Jetzt sitze ich hier und weiß, dass ich es kann! Und zwar aus eigener Kraft! Nicht weil mir jemand einen Gefallen schuldet oder mir was Gutes tun will. Ich selbst habe es ganz ohne Hilfe geschafft, Menschen von mir und meiner Arbeit zu überzeugen. Jetzt habe ich das Selbstvertrauen zu sagen, dass ich in dem, was ich mache, wirklich gut bin. Denn was auch immer ich gesucht habe, ich habe es in Mailand gefunden!