Business / Wie funktioniert Crowdfunding?

Bilder: Trailer Trash by Tobias Brabanski

Crowdfunding

„Ich hätte gern‘ eine Million Freunde, um so viel lauter singen zu können“ trällert der brasilianische Kultsänger Roberto Carlos 1974. Die Macht liegt also in der Gruppe. Er hat es vor 40 Jahren erkannt und Social Media macht es heute möglich. Dieser Schwarm-Gedanke treibt viele junge Designer und ambitionierte Ideenentwickler dazu an für ihre Projekte auf Facebook, YouTube und Co. zu werben. Doch der Weg zum Ziel ist nicht leicht und Follower sind nicht gleich Kunden. Der Schlüssel zum Erfolg liege im Crowdfunding, zu deutsch der Schwarmfinanzierung, sagen Perry Chen, Yancey Strickler und Charles Adler. Sie gründeten vor fünf Jahren in den USA die bisher größte Crowdfunding-Plattform Kickstarter.Die Idee ist simpel: man registriert sein Projekt und setzt eine Summe fest, die zur Start-Finanzierung dient. Interessierte können die Produkte dann auf der Seite vorbestellen. So summieren sich die Beträge für die Starthilfe. Zunächst gewinnt noch verliert keiner, denn das Geld wird nur von der Seite abgebucht, wenn das Projekt die vorgesehene Summe erreicht. So sichern sich die aufstrebenden Unternehmer die Finanzierung und bauen gleich ein Publikum und eine Kundenbasis auf.

In Deutschland findet sich bereits eine Fülle nationaler Crowdfunding-Anbieter. Von Startnext – die deutsche Alternative zur amerikanischen Plattform Kickstarter, zu Vision Bakery bis hin zu Science Starter, sie alle möchten dem Nachwuchs helfen und profitieren von den Ideen. Diese Plattformen verbinden die Vorzüge von Social Media mit ausgeklügelten Marketing- und Sales-Instrumenten. Hier zu Lande steckt diese Art der Projektfinanzierung noch in den Kinderschuhen, vor allem was die Bekanntheit und Akzeptanz der Plattformen angeht. Nach dem Crowdfunding-Monitor, der Beraterfirma Für-Gründer.de, kommt Bewegung in die Szene, denn die Investitionsbereitschaft in neue und kreative Projekte steigt von Jahr zu Jahr. Wirft man einen Blick über den großen Teich gleicht die Bilanz vieler erfolgreicher Kickstarter-Projekte jedenfalls dem amerikanischen Traum. Über 60.000 Dollar konnten für einen außergewöhnlichen deutsch-irischen Schuhmacher zusammengetragen werden und es wurden auch die astronomischen Summen von drei Millionen Dollar für ein Computerspiel und zehn Millionen Dollar für eine Hightech-Uhr erreicht. Natürlich ist das nur die Spitze der Crowdfunding-Erfolgspyramide. Viele Projekte schaffen es nicht die angestrebte Summe zusammenzutragen und bleiben erfolglos. Wir haben zwei Schnellstarter bei ihren Crowdfunding-Abenteuern begleitet.

Die Österreichische Designerin Eva Holzinger und ihre Team-Kollegen träumen vom Erfolg im Web. Ihr erster Kickstarter-Versuch war nicht von Erfolg gekrönt und so versuchten es die jungen Schuhdesigner erneut. Vor über einem Jahr entstand ihre Idee vom bequemen, einfachen und strapazierfähigen Schuh, der in keinem Kleiderschrank fehlen sollte. Ob Weltenbummler, Strand-Anbeter, Hobby-Wassersportler oder Festival-Liebhaber, die federleichten Sandalen, die weder Wasser, noch Sand, noch Match fürchten, passen sich jeder Fußform und Lebensgewohnheit an. Eva und Co. hatten das Glück, einen Bekannten in New York zu haben, dank dem sie sich auf Kickstarter mit ihrem Projekt anmelden konnten. Auf Kickstarter können nur Projekte aus den USA, Kanada oder Australien vorgestellt werden. Spenden – oder im Fachjargon „pledgen“ – kann aber jeder auf der ganzen Welt. Neben der Registrierung sind auch die Anforderungen, die die Plattform stellt hoch. Die Schnellstarter müssen strikte Design- und Präsentations-Vorlagen erfüllen. Was die jungen Designer unterschätzt haben, ist der hohe Werbeaufwand, der erforderlich ist, um auf das Kickstarter-Projekt aufmerksam zu machen und die Finanzierungsplanung, die auf den internationalen Markt ausgerichtet sein muss. Der Vorteil der Internationalität der Seite wurde ihnen so zum Verhängnis. Preise und Versandkosten sind für den internationalen Markt doch schwieriger zu kalkulieren, als für den europäischen. Schließlich haben sie sich entschieden, sich von dem Riesen Kickstarter zu trennen und mit ihren EASY AW’s einen eigenen Weg zu gehen, natürlich immer noch von Facebook, Youtube und Co. unterstützt.    EA

Die EASY AW’s sind nicht nur robust, sondern passen sich jeder Fußform an. Bild: EASY AW’s

Das Kreativ-Labor Trailer Trash aus Hannover geht bei der Schwarmfinanzierung einen anderen Weg. Sie vermarkten ihr Projekt auf Startnext, einer gemeinnützigen GmbH und der bisher größten Crowdfunding-Plattform im deutschsprachigen Raum. Für Janine Coldewey, die Trailer Trash als ihre Masterarbeit inszenierte, waren die Bekanntheit der Plattform und die „familiäre“ Projektbetreuung auf Startnext die ausschlaggebenden Argumente dafür, ihre Idee auf der Seite zu präsentieren. Das Kreativ-Projekt Trailer Trash ist ein Konglomerat aus Modedesignern, Fotografen, Grafikern, Visagisten und Models, die eine stylishe Plattform für junge Lokal-Designer bieten – in Form eines Pop-up-Wohnwagens – um ihre Kollektionen vorzustellen. Trailer Trash ist nicht nur ein mobiler Store, sondern betreut die aufstrebenden Mode-Unternehmer mit passenden Design-Kits, Fotoshootings und Marketing-Ideen. Für Janine soll so der Austausch mit anderen Designern und Künstlern unterstützt und die Kreativ-Szene in Hannover gestärkt werden. Das auf Startnext gesammelte Startkapital soll die Kosten für die Designerbetreuung decken. Darunter fallen die Gagen für Visagisten und Fotografen, die bei den Shootings mitwirken und die Umgestaltung des Trailers passend zu den Vorstellungen der Designer. Janine weiß, dass es beim Crowdfunding nach dem Alles-oder Nichts-Prinzip geht und wirbelt fleißig die Werbe-Trommel auf allen Social Media-Kanälen. Um Trailer Trash zu unterstützen, kann jeder einen passenden Betrag von fünf bis zu 1000 Euro spenden, je nachdem was der eigene Geldbeutel hergibt. Ist die Erst-Finanzierung gesichert, genießen Janine und Co. einen ruhigen Schlaf und tanken bestimmt Energie für neue spannende Projekte.

TT

Trailer Trash 2

Unter Startnext.de kann man für die verrückt-kreative Trailer Trash-Truppe spenden.